Projektarbeit in der Reggio-Pädagogik

Projektarbeit ist eine der zentralen Umsetzungsformen der Reggio-Pädagogik. Sie macht sichtbar, was diese Philosophie im Kern ausmacht, nämlich Kinder als kompetente, forschende Menschen zu begreifen, die gemeinsam mit uns die Welt entdecken. Auf dieser Seite schauen wir, was reggio-orientierte Projektarbeit – die Italiener nennen es Progettazione – von der klassischen Projektwoche unterscheidet, und wie Du sie ganz praktisch in Deinem Alltag lebendig werden lassen kannst. Dabei geht es darum, die Grundhaltung dahinter zu verstehen und für die eigene Einrichtung passend zu übersetzen. Du bekommst konkrete Beispiele, eine Teamstrategie für den Alltag und Impulse, wie Du Projektarbeit auch unter realen Rahmenbedingungen lebendig gestalten kannst. So wird aus einer pädagogischen Theorie ein Werkzeug, das Du direkt in Deiner Gruppe ausprobieren kannst.

Wenn wir in unserem Sprachgebrauch „Projekt„ hören, denken viele zuerst an ein festgelegtes Thema mit durchgeplanten Angeboten – Montag ein Ausmalbild, Dienstag ein Lied, Mittwoch ein Bastelangebot. Das Thema ist von Anfang an klar, ebenso der Ablauf und oft auch das Ergebnis.

In Reggio Emilia bedeutet Projektarbeit etwas anderes: einen offenen, dialogischen Prozess, dessen Ausgang beim Start noch niemand kennt. Man spricht dort von einem dauerhaften Ping-Pong-Dialog zwischen den Fragen der Kinder und den Impulsen der pädagogischen Fachkräfte. Nicht die pädagogische Fachkraft entscheidet, wohin die Reise geht, sie geht mit.

Wichtig: Projekte entstehen aus den Fragen und Hypothesen der Kinder. Die Kinder entscheiden selbst, ob, wann und in welchem Umfang sie an einem Projekt teilnehmen und wann es für sie beendet ist.

Durch Projekte erhalten Kinder die Möglichkeit, ihrer Neugier zu folgen, Fragen zu stellen und aktiv ihre Umwelt zu erforschen. Charakteristisch ist, dass Projekte oft aus Spiel- oder Alltagssituationen entstehen, z.B. aus einer Entdeckung in einem Buch, einem gefundenen Gegenstand oder einer spannenden Beobachtung in der Natur. Auf diese Weise entstehen Lernprozesse, die direkt an den echten Interessen und Fragen der Kinder anknüpfen und ihnen ermöglichen, sich gemeinschaftlich auf den Weg zu machen und antworten zu finden.

Wichtig: Projekte entstehen aus den Fragen und Hypothesen der Kinder, nicht aus Interessensvorgaben der pädagogischen Fachkraft. Die Kinder entscheiden selbst, ob, wann und in welchem Umfang sie an einem Projekt teilnehmen und wann sie es für sich beendet halten.

In der Reggio-Pädagogik geschieht Lernen ko-konstruktiv. Kinder und Erwachsene sind gemeinsam Forschende, die ihre Beobachtungen, Ideen und Hypothesen miteinander teilen.

Zwei Wege, ein Thema zu begleiten

Der Unterschied zwischen klassischer Planung und Progettazione wird am schnellsten an einer konkreten Alltagssituation deutlich – zum Beispiel, wenn ein Kind nach einem regnerischen Kita-Weg fragt: „Wohin verschwindet eigentlich das Wasser?“

Der klassische Weg: Die Fachkraft nimmt das Interesse wahr und plant im Voraus ein passendes Angebot – ein Bild zum Wasserkreislauf, ein Experiment mit Gießkannen, ein Buch über Regen. Das Thema wird behandelt, das Interesse war der Anlass. Doch die eigentliche Frage des Kindes gerät dabei leicht aus dem Blick: Wurde wirklich seiner Vermutung nachgegangen, oder haben wir am Ende nur unser eigenes Angebot durchgeführt?

Der reggio-orientierte Weg: Statt sofort zu antworten, geben wir die Frage zurück in die Gruppe: „Was glaubt ihr, wohin das Wasser verschwindet?„ Es entstehen erste Hypothesen – „Vielleicht in die Erde“, „Vielleicht trinken die Pflanzen es auf„ –, die wir wörtlich festhalten. Diese O-Töne sind keine Randnotiz, sie sind der eigentliche Ausgangspunkt für die nächsten Schritte. Gemeinsam wird überlegt, welcher Hypothese die Gruppe als Nächstes nachgehen möchte – und genau diese Entscheidung treffen die Kinder.

So entsteht ein Projekt nicht aus einem Thema, sondern aus einer echten Frage, die weitere Fragen nach sich zieht.

Kinder und Erwachsene sind gemeinsame Forschende, die im Prozess ihre Gedanken verbinden und weiterentwickeln.

Ein Projekt beginnt oft mit einer Frage oder Beobachtung, die neue Fragen nach sich zieht. Diese Kettenreaktion aus Neugier, Hypothesen, Ausprobieren und neuen Fragestellungen ermöglicht den Kindern, ihre Umwelt forschend zu begreifen, eigene Ideen weiterzuentwickeln und gemeinsam neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Beispiel:

Ein Kind berichtet im Morgenkreis davon, dass er heute auf dem Weg zur Kita nass geworden ist, weil es geregnet hat.

Das Kind fragt:

„Wohin verschwindet das Wasser?“

Weitere Kinder überlegen und stellen Hypothesen auf:

„Vielleicht in die Erde?“ „Vielleicht trinken die Pflanzen das Wasser auf.“

Mögliche Frage zum Nachdenken von der pädagogischen Fachkraft:

„Was denkst ihr, können wir das Wasser unter der Erde noch sehen?“

  • Prof. Dr. mult.Wassilios E.Fthenakis, „Ko-Konstruktion: Lernen durch Zusammenarbeit“, PDF, 2017, PDF herunterladen
  • Horst Küppers & Petra Römling-Irek, „Die Auseinandersetzung mit der Welt Praxis und Theorie reggianischer Projektarbeit“, 2011, ISBN 978-3-427-50527-3 WorldCat Link
  • Franz-Josef Brockschnieder,Reggio-Pädagogik Pädagogische Ansätze in der KITA, HERDER,2025, ISBN 978-3-451-03560-9, DNB Link